Frauenwerk: „Gleichberechtigung ist noch längst nicht selbstverständlich“
Lübeck/Ratzeburg. Sommerzeit ist Interviewzeit. In dieser Woche steht Silke Meyer, Leiterin des Ev. Frauenwerks Lübeck-Lauenburg, Rede und Antwort. Sie sagt: “Gleichberechtigung ist noch längst nicht selbstverständlich”.
Interview mit Silke Meyer, Leiterin des Frauenwerks
Wenn Sie das Ev. Frauenwerk in einem Satz erklären und vorstellen sollten – wie würde dieser lauten?
Silke Meyer: Das Ev. Frauenwerk ist ein Ort gelebter Kirche, an dem Frauen Gemeinschaft erleben, Kraft schöpfen, ihren Glauben gestalten und sich für eine gerechte und lebenswerte Gesellschaft engagieren.
Wie würden Sie jemandem erklären, der Kirche vor allem mit Gottesdiensten verbindet, warum es ein Frauenwerk braucht?
Silke Meyer: Kirche ist für mich viel mehr als der Gottesdienst am Sonntag. Sie lebt dort, wo Menschen einander zuhören, sich gegenseitig stärken und gemeinsam Verantwortung übernehmen. Genau dafür schafft das Frauenwerk Räume. Und das an verschiedenen Orten im Kirchenkreis. Unsere besondere Stärke ist die Feministische Theologie. Sie eröffnet neue Zugänge zum Glauben, macht vielfältige Gottesbilder sichtbar und bringt eine Sprache ein, in der sich mehr Menschen wiederfinden. Damit leisten wir auch über unsere von hauptsächlich Ehrenamtlichen gestalteten Gottesdienste hinaus, einen wichtigen Beitrag für eine Kirche, die offen, vielfältig und geschlechtersensibel ist. Außerdem sind es oft Frauen, die Glauben, Spiritualität und christliche Traditionen im Alltag weitergeben – in ihren Familien, Freundeskreisen oder Gemeinden. Das Frauenwerk stärkt sie darin, über ihren Glauben zu sprechen und ihn mit neuen Worten zu leben.
Kirche braucht die Perspektiven von Frauen
Welche Herausforderungen erleben Frauen heute, die vor zehn oder zwanzig Jahren noch eine geringere Rolle gespielt haben?
Silke Meyer: Viele Probleme sind nicht neu – manche haben sich sogar verschärft. Frauen tragen oft immer noch den größten Teil der Sorgearbeit und stehen gleichzeitig unter hohem beruflichem Druck. Dazu kommen die ständige Erreichbarkeit, soziale Medien und gesellschaftliche Krisen. Gleichzeitig erleben wir, dass Gleichberechtigung noch längst nicht selbstverständlich ist. Frauen müssen ihre Rechte immer wieder verteidigen und ihre Stimme erheben – gegen Sexismus, Gewalt, Benachteiligung und für ihre Selbstbestimmung eintreten. Dabei ist mir wichtig: Es gibt nicht die Frau. Frauen leben ganz unterschiedliche Lebensrealitäten und Identitäten. Diese Vielfalt sichtbar zu machen und solidarisch miteinander zu sein, gehört für mich ganz selbstverständlich dazu.
Die Rolle der Frau hat sich verändert
Hat sich die Rolle von Frauen in der evangelischen Kirche in den vergangenen Jahren spürbar verändert?
Silke Meyer: Ja, auf jeden Fall. Frauen übernehmen heute selbstverständlich Leitungsverantwortung und prägen Kirche auf vielen Ebenen. Das ist ein großer Fortschritt. Trotzdem reicht formale Gleichberechtigung allein nicht aus. Frauen müssen mit ihren Erfahrungen und Perspektiven auch selbstverständlich an Entscheidungen beteiligt werden. Daran müssen wir weiterarbeiten.
Wo sehen Sie Nachholbedarf?
Silke Meyer: Die meisten Menschen, die sich ehrenamtlich in der Kirche engagieren, sind Frauen. Ihre Erfahrungen und Kompetenzen sollten sich noch stärker in Leitungs- und Entscheidungsprozessen widerspiegeln. Außerdem dürfen Themen wie Care-Arbeit, Altersarmut, geschlechtsspezifische Gewalt oder die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Ehrenamt nicht aus dem Blick geraten. Kirche kann hier Orientierung geben und Veränderungen anstoßen.
Wir sind nicht nur etwas für ältere Frauen
Welches Vorurteil über Ihre Arbeit würden Sie gern ausräumen?
Silke Meyer: Viele denken, das Frauenwerk sei nur etwas für ältere Frauen oder beschäftige sich ausschließlich mit Frauenthemen. Tatsächlich geht es um weit mehr: um Spiritualität, Demokratie, Bildung, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Unser Frauenwerk ist ökumenisch, transkulturell und offen für den Dialog – auch mit Frauen anderer Religionen. Wir sind eine öko-faire Institution und ein innovativer Erprobungsraum. Wir greifen aktuelle gesellschaftliche Fragen auf und bringen unterschiedliche Lebensgeschichten und Perspektiven miteinander ins Gespräch.
Gibt es Begegnungen aus Ihrer Arbeit, die Sie bis heute bewegen?
Silke Meyer: Mich berührt es immer wieder, wenn Frauen nach langer Zeit den Mut finden, auszusprechen, was sie bewegt – ihre Sorgen, (Trauer, Wut,) ihre Hoffnungen oder einen lange verborgenen Lebenstraum. Wenn daraus neue Kraft entsteht und Frauen den nächsten Schritt wagen, den Mut finden, bzw. sich ermächtigt fühlen Verantwortung auch auf höheren Leitungs-Ebenen zu übernehmen, das sind für mich ganz besondere Momente.
Hoffnung kann wachsen - selbst in schwierigen Zeiten
Häufig begegnen Ihnen auch sehr persönliche und belastende Geschichten. Was gibt Ihnen Kraft?
Silke Meyer: Vor allem die Frauen selbst. Ich erlebe so viel Mut, Solidarität und gegenseitige Unterstützung. Kraft geben mir auch unsere Gottesdienste und mein Glaube. Er erinnert mich daran, dass jeder Mensch wertvoll ist und Hoffnung wachsen kann – selbst in schwierigen Zeiten. Und manchmal hilft auch einfach ein gemeinsames Lachen.
Worauf sind Sie in Ihrer Arbeit besonders stolz?
Silke Meyer: Besonders stolz bin ich darauf, dass wir kirchliches Engagement mit gesellschaftlichem Einsatz verbinden. Gemeinsam mit vielen Partnerinnen und Partnern setzen wir uns in einem großen Netzwerk für mehr Gerechtigkeit und gegen Benachteiligung ein. Wenn Frauen gestärkt nach Hause gehen und den Mut finden, etwas in ihrem Leben oder ihrem Umfeld zu verändern. Und wenn starre, oft schädliche Rollenbilder abbaut werden dann hat meine Arbeit ihr Ziel erreicht.
Vielfalt als Stärke verstehen
Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Was sollte sich für Frauen in Kirche und Gesellschaft verändern?
Silke Meyer: Ich wünsche mir eine Kirche und eine Gesellschaft, in der Frauen ihre Erfahrungen, ihre Fürsorge oder ihre Führungsstärke nicht mehr erklären oder rechtfertigen müssen. Ich wünsche mir, dass Gleichberechtigung selbstverständlich ist, Vielfalt als Stärke verstanden wird und jede Frau ihr Leben frei, sicher und selbstbestimmt gestalten kann.